• Ausstellungsdesign
    und Szenografie
     
    Information
  • 8
  • Die Kunst der Dekonstruktion I

  • Die Kunst der Dekonstruktion I

  • Szenografie
    Bericht
    2013
    •     
    • 1    Zündplan des Gebäudes der Kunsthalle Mannheim. Die Sprengpunkte sind rot markiert.
    •     
    •     
    • 2    Fotografischer Schnitt durchs Gebäude der Kunsthalle Mannheim.
    •     
    • Wintersemester 2012/13

      Betreuung:
      Prof. Heike Schuppelius, Aaron Werbick

      Studierende/r:
      Marian Korenika, Mirjam Schwab, Nele Faust, Alper Kazokoglu, Liliana Betz, Claudia Burr, Katharina Küster, Katya Khakhulina

    • Die Aufgabe eines Szenografen ist es, Räume zu erdenken, zu entwerfen, zu konstruieren und schließlich zu bauen. Wie aber, wenn man das Prinzip umkehrt? Sollte nicht jeder einmal über den Abbau, Rückbau, das Dekonstruieren, Sich-Reduzieren nachgedacht haben?

      In „Die Kunst der Dekonstruktion“ geht es zunächst um die allgemeine Thematik der Dekonstruktion, die anhand von kleineren praktischen Übungen an Modellen, Objekten und Zeichnungen erarbeitet wird. Aus technischer und konstruktiver Sicht begleitet ein Sprengmeister das Projekt, mit dessen Unterstützung die Studierenden einen sogenannten „Zündplan“ erstellen, in dem die statisch empfindlichen Punkte eines Gebäudes verzeichnet sind, die für den Fall einer Sprengung mit Bohrlöchern versehen und mit Explosivstoffen beladen werden. Mit den gesammelten Informationen und Ergebnissen, nach dem Aufsuchen und Untersuchen der Orte in der Kunsthalle Mannheim wird der „Zündplan Mannheim“ erstellt, der den Studierenden als Lageplan vor Ort dient, wenn sie im Juni den Anbau der Kunsthalle, der kurz vor seinem Abriss steht, im szenegrafischen und bildnerischem Sinne bespielen.

      Ein Gebäude zu dekonstruieren setzt voraus, dass man sich mit dessen Konstruktion vertraut gemacht hat. Ein Abrissunternehmer muss wissen, wie ein Haus gefügt ist, muss die statische Ordnung der Bauteile entschlüsselt haben, um das Ganze kontrolliert zerstören zu können. Das Wort „Rückbau“ ist nicht schön, trifft aber den Kern.

      Je nach Situation prüft das Abrissunternehmen, bevor es ein Angebot macht, was am wirtschaftlichsten ist: das Gebäude konventionell abzureißen, es zum Beispiel mit großen Longfront-Baggern von oben nach unten „abzuknabbern“, oder es sprengen zu lassen. Es ist eine Kalkulation, in die vielfältige Randbedingungen einfließen. Zum Beispiel: Wie lange und wie stark darf die Umgebung des Gebäudes unter dem Abriss leiden? In bestimmten Lagen, in der Innenstadt etwa, an verkehrsreichen Orten oder in der Nähe von Bürogebäuden mit sensiblen Server- und Klimaanlagen, ist eine wochenlange Staub- und Lärmbelästigung unzumutbar; hier würden die Schutzmaßnahmen die Gesamtkosten in die Höhe treiben. Eine Sprengung ist zwar ebenfalls aufwendig, weil der „belästigende“ Part jedoch nur wenige Augenblicke dauert, ist das mitunter die preiswertere Variante.

      Wenn ein Gebäude gesprengt wird, dann geschieht das zumeist vor Publikum und Kameras. Worin besteht die Faszination? In einem Vortrag beschreibt der erfahrene Sprengtechniker Konrad Fink aus Pfullingen das Besondere seines Berufs: „Der Sprengmeister schreibt das Drehbuch, führt Regie, ist Bühnenbildner, gegebenenfalls auch Kameramann und zwangsläufig stets der Hauptdarsteller. Er kennt keine Proben, nur Premieren, scheut aber peinliche Zugaben!“ Das Unwiederholbare des Ereignisses macht den Sprengvorgang als Performance, als Spektakel interessant. Ist das Signalhorn nicht vergleichbar mit dem Theatergong? Sind die zahlreichen Spreng-Videos im Internet nicht wie Konzert-Mitschnitte? Die Zuschauer sind aber auch fasziniert von der zeitlichen Raffung eines Prozesses, der unter normalen Umständen viele Jahrzehnte dauern würde. Der so beschleunigte Verfall eines Gebäudes erinnert die Öffentlichkeit an Zeiten, in denen sie es benutzt und ihm eine Bedeutung beigemessen hat. Der Abriss des Bauwerks ist das unübersehbare, klar definierte Ende dieses Zeitabschnitts und einer damit verbundenen Industrie, einer Idee, manchmal sogar einer Ideologie; ein Zeichen des Scheiterns wie auch des Neubeginns. Wie der erste Spatenstich, die Grundsteinlegung und das Richtfest wichtige Zeitmarken sind, zu denen man zusammenkommt, um die Zukunft zu beschwören, so kann die Sprengung als ein Ritual am Bau verstanden werden, bei dem man gemeinsam Rückschau hält.

      Ein Sprengtechniker muss, damit die „Premiere“ gelingt, eine langwierige und gründliche Vorarbeit leisten. Umfeldanalyse, das bedeutet: Wohin kann und soll das Gebäude fallen? Wie ist der Untergrund beschaffen? Mit welchen Erschütterungen ist durch den Aufschlag zu rechnen? Wie wird die Nachbarbebauung vor Splitterflug und Schalldruck geschützt? Schließlich die Beweissicherung in der näheren Umgebung, um nach der Explosion beurteilen zu können, ob durch die Sprengung anderswo als geplant Schäden entstanden sind.

      Die Arbeit am Gebäude umfasst eine genaue Analyse der Tragstruktur. Fehlt dafür geeignetes Planmaterial, müssen Probebohrungen gemacht werden, im Zweifelsfall werden an vergleichbaren Bauteilen vor Ort Probesprengungen durchgeführt, um die richtige Dosierung der Explosivstoffe zu ermitteln. Schließlich wird der Sprengstoff in Bohrlöcher und -schlitze eingebracht. Entscheidend für das Gelingen ist neben der Durchschlagskraft auch die richtige „Dramaturgie“, das „Timing“; Sprengtechniker sprechen hier allerdings von der „Zündfolge“: Indem die verschiedenen Zündungen um Millisekunden verzögert ausgelöst werden – in Echtzeit kaum sichtbar –, kann der Kollaps des Gebäudes in die geplante Fallrichtung gesteuert werden. Es werden meist jene Bauteile weg gesprengt, die beim Bau zuerst errichtet wurden: Stützen und tragende Wände.

      Dass der zum Abriss stehende, erst 1983 eröffnete Erweiterungsbau der Kunsthalle Mannheim gesprengt werden wird, hält Konrad Fink, der auch als Sachverständiger tätig ist, für unwahrscheinlich. Der Abbruch dürfte dort voraussichtlich – mit Ausnahme der Bunkeranlagen im Untergeschoss – konventionell durchgeführt werden, allein schon um den Altbau und seinen kostbaren Inhalt zu schonen. Der „Zündplan Mann heim“, den Konrad Fink und sein Sohn Martin derzeit zusammen mit dem Szenegrafie-Seminar von Heike Schuppelius an der HfG Karlsruhe erarbeiten, ist also ein theoretisches Szenario. Ein Haus nach den Kriterien der Sprengtechnik zu erkunden, stellt die Hierarchie der Räume auf die Probe und verleiht heute noch unscheinbaren Bauteilen eine neue Bedeutung.

      Quelle: Bauwelt Nr. 08/2013

    • Szenografie
      Bericht
      2013

      Wintersemester 2012/13

      Betreuung: Prof. Heike Schuppelius, Aaron Werbick

      Studierende/r:

    • Externe Links
    •  
    • Bauwelt, Ausgabe 8.2013
    •